Suchaktion

Über das, was es noch in keiner Suchmaschine der Welt gibt...

 

 

 

 

Jeder kennt die Situation, wenn man etwas hervorholen will und dann ins Leere greift. Zum X-ten mal liegt der Schlüssel nicht da, wo man ihn felsenfest vermutet hat. Das Suchen raubt nicht nur wertvolle Zeit, sondern es nervt auch gewaltig. Was dabei abgeht kann je nach Temperament höchst unterschiedlich ausfallen.

 

Da ist zunächst einmal der gesellige Sanguiniker. Er ist optimistisch, bleibt emotional positiv gestimmt und glaubt, die Sache finde sich bald wieder an. Der pessimistische Melancholiker dagegen ist gleich negativ gestimmt und empfindet bei dem Verlust sogar einen Weltschmerz. Er macht sich Schuldvorwürfe und läuft Gefahr in eine Depression zu fallen, weil er keine Chance sieht, die Sache jemals wieder zu finden. Und das nur, weil er wieder einmal die Ordnung sträflich vernachlässigt hat.

Der Choleriker dagegen braust unbeherrscht auf und wird sofort aktiv. Er merkt kaum dass seine Hektik ein Chaos anrichtet und er am Ende gar nichts mehr findet. Und dann ist da noch der Phlegmatiker. Er nimmt den Verlust zwar langsam wahr, bleibt aber eher untätig und lässt alles weitere erst einmal auf sich  zukommen. Am wenigsten kann er verstehen, warum sich die Leute um ihn herum so aufregen.

 

„Oh du fröhliche… Weihnachtszeit!“

Es ist Weihnachtszeit und aus allen Lautsprechern tönen unablässig Weihnachtsmelodien. Alle Jahre wieder liegt uns der 200-jährige Klassiker in den Ohren: „Oh du fröhliche… Weihnachtszeit, Welt ging verloren, Christ ward geboren…freue dich Christenheit“. Plötzlich ist mir etwas aufgefallen. Ist ihnen eigentlich bewusst, dass man etwas -sei es ein Gegenstand, ein Gedanke oder gar eine Person- höchst unterschiedlich verlieren kann?

 

Im Lukasevangelium erzählt Jesus zu diesem Thema von einer Frau, die ein Geldstück verloren hat. Von 10 Drachmen, die zu einem Diadem aufgereiht waren, fehlte eine. Das war ein großer Verlust, denn das Diadem gehörte zum Brautschmuck ohne den eine Frau nicht heiraten konnte. Aber die Frau hat Glück im Unglück. Denn das Geldstück war ihr nur vor den Augen verloren gegangen und nicht auch im Gedächtnis. Sonst hätte sie sich ja beim Zählen nicht daran erinnert. Weil sie noch ein inneres Bild von der Drachme hatte, konnte sie mit der Suche beginnen, bis sich die Münze wieder angefunden hatte.

Im „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ wird die Situation schwieriger. Da ist ein junger Mann, dem sein Elternhaus zum Gefängnis geworden war. Er plant den Ausstieg und entschließt sich, vorzeitig sein Erbe zu verlangen, um damit, fern von zu Hause, sein eigenes Glück zu machen. Solange er „flüssig“ war, gelang ihm das auch prächtig. Er hatte Freunde und war auf Partys gern gesehen. Doch als die Kreditkarte mangels Deckung einbehalten wurde, umgibt ihn eine neue Realität: Armut und Einsamkeit. Schließlich erhält er einen Arbeitsvertrag als Schweinehirte und glaubte, dass die Talsohle durchschritten sei. Die Realität sah allerdings anders aus. Da es mit dem Einkommen kein Auskommen gab, musste er sich schließlich on dem ernähren, was die Schweine fraßen.

Erst viel später tauchte in seiner Erinnerung ein Bild auf, das vor langer Zeit verblasst war: die Rückbesinnung an seinen Vater und seine Familie! Von diesem inneren Bild getrieben machte er sich schließlich auf den Weg zurück zum Haus seines Vaters.

 

Das geschilderte Gleichnis nennt man nicht von ungefähr: Das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“. Aber man könnte es auch das Gleichnis vom „suchenden Vater“ nennen, denn der hielt täglich nach seinem Sohn Ausschau. Das Verhalten des Vaters macht deutlich, dass ihm sein Sohn lediglich vor den Augen verloren gegangen war, nicht aber in seiner Erinnerung und in seinem Herzen. Darum rief das Gebet des Vaters schließlich beim Sohn die Erinnerung wach und löste damit eine Umkehr und damit ein Wiederfinden aus.

 

 

Diese Interpretation macht folgende Tragik deutlich: wenn jemand etwas in seinem Gedächtnis verliert, weiß er noch nicht einmal, dass er etwas verloren hat, geschweige denn, was er suchen soll. Um diesen verlorenen Zustand ging es, als Jesus zu Weihnachten Mensch wurde. Er kam, um uns zu finden. Wir sind nicht wie Hänsel und Gretel, die sich im Wald verirrt hatten, sondern Menschen, die nicht mehr wissen, was sie verloren haben. Es ist erstaunlich, dass in allen Menschen eine bemerkenswert übereinstimmende Ahnung vorherrscht. Alle suchen das gleiche: die Glück und Frieden. Nur wo das Bild herkommt, bleibt den meisten schleierhaft.

Für mich ist Weihnachten die größte Suchaktion in der Geschichte der Menschheit. Gott schickte seinen Sohn auf die Erde, nicht um nach den Menschen zu sehen, ob es ihnen auch gut geht, sondern, um sie an ihre Herkunft zu erinnern. Aus der Sicht Gottes sind die Menschen ihrer Bestimmung zum ewigen Leben und damit dem Himmel verloren gegangen. Das ist ein tragischer Zustand, denn der Himmel ging ihnen nicht nur vor den Augen verloren, sondern auch im Bewusstsein. Die meisten Menschen wissen das gar nicht, und selbst, wenn man es ihnen sagte, würden sie es glauben?

Jesus Christus wurde auf die Erde gesandt, um die Kluft zwischen Mensch und Gott zu überwinden, nämlich die Schuld. Die nahm er auf sich und versöhnte so Gott und Mensch am Kreuz. Seit mehr als 2000 Jahren ist der Himmel offen und gewährt jedem Zutritt, der sich finden lässt.

Ihr Pastor Klaus Morwinski

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